
Michael Lösch
Senior Executive Consultant
Kaizen Institute Germany
Im September 2026 verzeichnete der Preiserwartungsindikator des ifo Instituts, der die Prognosen deutscher Unternehmen zur Entwicklung der Verkaufspreise erfasst, einen Anstieg von 21,4 auf 22,7 Punkte. In energieintensiven Branchen stieg der Index von 19,5 auf 24,8 Punkte, während er sich bei nicht energieintensiven Unternehmen nur von 19,2 auf 20,4 Punkte erhöhte.1 Diese Zahlen deuten auf eine zunehmende Tendenz hin, die Preise als Reaktion auf steigende Energiekosten anzuheben. Die Herausforderung für produzierende Unternehmen besteht darin, zu ermitteln, inwieweit sie diese Kostensteigerungen an die Kunden weitergeben können, wobei vertragliche Beschränkungen, der Wettbewerbsdruck und mögliche Folgen für die Absatzmengen zu berücksichtigen sind. Die Antwort hängt weitgehend davon ab, wie viel der Marge die Energie tatsächlich aufzehrt.
Aktuelle Daten belegen diesen Druck. Im September waren die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte in Deutschland um 6,7% höher als im Vorjahresmonat. Haupttreiber war die Energie, deren Preise um 14,9% stiegen.2 Für die meisten produzierenden Unternehmen sind die Preissteigerungen bei Erdgas (Verteilung) um 15,0% und bei Strom um 8,2% am bedeutendsten. Diese beiden Energieträger deckten 29,2% bzw. 21,1% des industriellen Energieverbrauchs im Jahr 2024.3 Mineralölerzeugnisse verteuerten sich weitaus stärker (51,3%), hatten jedoch einen geringeren Anteil am industriellen Energieverbrauch (16,5%).4 Das ifo Institut hob zudem das Risiko weiterer Strom- und Gaspreiserhöhungen in den Wintermonaten hervor.5 Angesichts des Ausmaßes der Unsicherheit ist es unerlässlich, Prognosen zu erstellen, die Lieferverträge, den Verbrauch und die Energiekosten pro produzierte Einheit berücksichtigen.
Wie stark Energiekosten die Margen belasten
Energie ist für ein produzierendes Unternehmen selten die größte Kostenposition, steht aber in direkter Konkurrenz zur Marge. Nach den neuesten verfügbaren Daten entfielen 2024 im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland 2,4% des Produktionswerts auf den Energieverbrauch, während der Bruttobetriebsüberschuss (Wertschöpfung abzüglich Personalkosten, ein gängiger Näherungswert für die operative Marge) 8,4% ausmachte.6 Die Energiekosten entsprachen damit fast 30% dieser Marge, und diese Zahlen stammen aus der Zeit vor dem Preisschock 2026. Kann ein Unternehmen einen Anstieg der Energiekosten um 15%, der den jüngsten Erzeugerpreisdaten entspricht, nicht weitergeben, sinkt sein Bruttobetriebsüberschuss unter sonst gleichen Bedingungen um mehr als 4% (15% × 2,4 ÷ 8,4).
Je nach Branche fällt das Bild sehr unterschiedlich aus. In den energieintensiven Branchen entfielen auf Energie 6,2% des Produktionswerts in der Metallerzeugung, 7,2% in der Chemie- und in der Papierindustrie sowie 7,5% bei Glas, Keramik und Steinerzeugnissen.7 In der Papier- und Chemieindustrie entsprachen die Energiekosten mehr als 80% des Bruttobetriebsüberschusses, in der Metallerzeugung mehr als dem Doppelten dieses Überschusses (6,2% gegenüber 2,9%). Dort würde derselbe Anstieg um 15% in der Papier- und Chemieindustrie rund 12% des Überschusses aufzehren, in der Metallerzeugung fast ein Drittel. Im Maschinenbau entfielen auf Energie 1,0% des Produktionswerts, in der Automobilindustrie 0,9%, sodass die direkten Folgen für die Margen mit weniger als 2% des Überschusses deutlich geringer ausfallen. Diese Branchen sind jedoch über teurere Vorleistungen auch indirekt betroffen: Die Erzeugerpreise für Metalle waren im September um 14,0% höher als ein Jahr zuvor.8 Dies trägt zur Erklärung bei, warum laut ifo die Preiserwartungen bei energieintensiven Industrieunternehmen besonders stark gestiegen sind.9
Auch die Unternehmensgröße spielt eine Rolle, wenn auch nicht nur über den Energiekostenanteil. Unter den produzierenden Unternehmen mit 20 oder mehr Beschäftigten war der Anteil bei Unternehmen mit 500 bis 999 Beschäftigten am höchsten (3,3% des Produktionswerts) und bei Unternehmen mit 1.000 oder mehr Beschäftigten am niedrigsten (2,1%), gegenüber 2,6% bei Unternehmen mit 20 bis 49 Beschäftigten.10 Gemessen am Bruttobetriebsüberschuss reichten die Energiekosten von etwa einem Viertel in der kleinsten und der größten Größenklasse bis zu mehr als 40% bei Unternehmen mit 500 bis 999 Beschäftigten. Laut KfW starteten kleine und mittlere Unternehmen aller Branchen mit einer durchschnittlichen Gewinnmarge von 7,5% des Umsatzes im Jahr 2025 in den Schock von 2026, nannten jedoch in einer Umfrage im September 2026 hohe Preise für Energie, Material und Löhne als größte Investitionshemmnisse.11 Große Industriekonzerne haben andere Möglichkeiten: Im DIHK-Energiewende-Barometer 2026 gaben 60% der großen Industrieunternehmen an, eine Verlagerung von Investitionen oder Produktionskapazitäten ins Ausland zu erwägen, umzusetzen oder bereits umgesetzt zu haben, und jedes dritte Unternehmen verlagerte bereits Produktion.12
Preisdruck in operatives Handeln umsetzen
Die Weitergabe der Energiekosten über die Verkaufspreise kann die Margen sichern, hängt jedoch von bestehenden Kundenverträgen, dem Wettbewerb und der Preissensibilität der Kunden ab. Steigen die Kosten weiter, können wiederholte Preisanpassungen Absatz und Wettbewerbsfähigkeit untergraben, insbesondere bei Unternehmen, deren Energiekosten einen großen Teil ihrer operativen Marge aufzehren. Unternehmen sollten kaufmännische Entscheidungen daher durch Maßnahmen ergänzen, die die Betriebskosten nachhaltig reduzieren. Im Bereich Energie besteht das Ziel darin, unnötigen Verbrauch zu identifizieren und zu beseitigen, um die Kosten jeder produzierten Einheit zu senken.
Sind Sie bereit, Energieeinsparungen in dauerhafte Margen umzuwandeln?
Zur Verbesserung der Energieeffizienz können Unternehmen auf verschiedene Methoden zurückgreifen. Kobetsu KAIZEN™ ist ein möglicher Ansatz, mit dem Teams den Energieverbrauch analysieren, die Anlagen und Prozesse mit dem größten Verbesserungspotenzial identifizieren und die Ursachen von Verlusten untersuchen können. Auf Grundlage dieser Analyse legt das Team Verbesserungsmaßnahmen fest und setzt sie um. Dazu können kleine Optimierungen gehören, etwa die Anpassung von Betriebsparametern oder die Beseitigung von Leckagen, aber auch größere Veränderungen, etwa der Austausch ineffizienter Anlagen oder die Neugestaltung von Prozessen. Die Ergebnisse sollten anhand von Leistungskennzahlen wie dem Energieverbrauch pro produzierte Einheit bewertet werden, wobei die Betriebsbedingungen der Anlagen zu berücksichtigen sind.
Erfolge quantifizieren und sichern
Die Senkung des Energieverbrauchs kann zu finanziellen Einsparungen führen, doch eine präzise Quantifizierung dieser Vorteile erfordert eine gemeinsame Bewertung durch die Finanz- und Betriebsteams. Dazu sollten Unternehmen eine Ausgangsbasis für den Verbrauch festlegen und die Ergebnisse unter Berücksichtigung von Schwankungen bei Produktionsmengen, Produktmix und Betriebsbedingungen vergleichen. Die daraus resultierenden Energieeinsparungen sollten anschließend unter Einbeziehung der Energiepreise und Vertragsbedingungen monetär bewertet werden, um Effizienzgewinne von Preisschwankungen zu unterscheiden. Da einige Verbesserungen Investitionen erfordern, empfiehlt es sich zudem, die Kapitalrendite (ROI) und die Amortisationszeit unter verschiedenen Energiepreisszenarien zu berechnen. Mit diesen Daten können Unternehmen die Initiativen mit der größten finanziellen Wirkung priorisieren und künftige Investitionsentscheidungen daran ausrichten.
Angesichts der Volatilität der Energiepreise sollten Unternehmen eine angemessene Preispolitik mit kontinuierlicher Prozessverbesserung verbinden. Ein geringerer Energieverbrauch pro produzierte Einheit senkt die Betriebskosten und verringert die Anfälligkeit für künftige Preissteigerungen. Unternehmen mit einer ausgeprägten Kultur der kontinuierlichen Verbesserung sind besser darauf vorbereitet, diese Herausforderungen zu bewältigen, da ihre Teams bereits daran gewöhnt sind, Verluste zu identifizieren und Verbesserungen umzusetzen. Das Kaizen Institute unterstützt Unternehmen mit Beratung zur operativen Effizienz, indem es Potenziale zur Senkung des Energieverbrauchs identifiziert und Verbesserungen umsetzt, die messbare Einsparungen erzielen und die Rentabilität stärken.
Quellen
- ifo Institut. (30. September 2026). Höhere Energiepreise werden zunehmend weitergegeben [Pressemitteilung]. ↩︎
- Statistisches Bundesamt (Destatis). (20. Oktober 2026). Erzeugerpreise im September 2026: +6,7% gegenüber September 2025 (Pressemitteilung Nr. 373). ↩︎
- Statistisches Bundesamt (Destatis). (14. November 2025). Energieverbrauch der Industrie 2024 um 1,9% gestiegen [Pressemitteilung]. ↩︎
- Statistisches Bundesamt (Destatis). (14. November 2025). Energieverbrauch der Industrie 2024 um 1,9% gestiegen [Pressemitteilung]. ↩︎
- ifo Institut. (30. September 2026). Höhere Energiepreise werden zunehmend weitergegeben [Pressemitteilung]. ↩︎
- Statistisches Bundesamt (Destatis). (29. Juni 2026). Statistischer Bericht – Kostenstrukturerhebung im Verarbeitenden Gewerbe sowie im Bergbau und der Gewinnung von Steinen und Erden – 2024, Tabelle 42251-01. Eigene Berechnungen. ↩︎
- Statistisches Bundesamt (Destatis). (29. Juni 2026). Statistischer Bericht – Kostenstrukturerhebung im Verarbeitenden Gewerbe sowie im Bergbau und der Gewinnung von Steinen und Erden – 2024, Tabelle 42251-01. Eigene Berechnungen. ↩︎
- Statistisches Bundesamt (Destatis). (20. Oktober 2026). Erzeugerpreise im September 2026: +6,7% gegenüber September 2025 (Pressemitteilung Nr. 373). ↩︎
- ifo Institut. (30. September 2026). Höhere Energiepreise werden zunehmend weitergegeben [Pressemitteilung]. ↩︎
- Statistisches Bundesamt (Destatis). (29. Juni 2026). Statistischer Bericht – Kostenstrukturerhebung im Verarbeitenden Gewerbe sowie im Bergbau und der Gewinnung von Steinen und Erden – 2024, Tabelle 42251-01. Eigene Berechnungen. ↩︎
- KfW. (22. Oktober 2026). KfW-Mittelstandspanel 2026: Deutscher Mittelstand ist gut positioniert, den Aufschwung mitzutragen [Pressemitteilung]. ↩︎
- Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK). (2026). Energiewende-Barometer 2026. ↩︎
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